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Josephine
Josephine hatte ihren Namen von der berühmten Josephine Baker: wunderschön, charismatisch, umjubelt aber auch renitent und provokativ mit ihren für ihre Zeit unerhörten Auftritten und dabei ein Herz aus Gold als Adoptivmutter von Kindern aller Hautfarben. Einen besseren Namen hätte ich wohl für diesen Hund nicht finden können.
Als Einzelkind aus einem Kaiserschnitt war sie von Anfang an eine wohl behütete Prinzessin, gehätschelt und verwöhnt. Sie hatte den Dickkopf und den Eigensinn ihrer Mutter Anuschka geerbt und ergänzte das noch durch eine gehörige Portion Renitenz. Eine zeitlang etwa zwickte sie ihr unliebsame Besucher kräftig in die Waden - einfach so, dabei hat sie gewiß nie etwas Böses erlebt und keiner hat sie je schlecht behandelt. Es paßte ihr einfach nicht und als eine echte Diva dachte sie wohl, schlechtes Benehmen stünde ihr zu - ich hatte wirklich große Mühe, ihr das abzugewöhnen und so ganz vertraut habe ich ihr in dieser Hinsicht nie. Anderen Besuchern dagegen zeigte sie sich überaus charmant und liebenswürdig und als der Inbegriff von einem süßen kleinen Schoßhund, blond, bildhübsch und zuckersüß. Wovon die jeweilige Verfassung abhängig war, habe ich nie herausgefunden. War es Laune? Sah sie etwas, das sonst niemand sah? Keine Ahnung! Ich weiß nur, daß ich niemals vorher wußte, wie sie sich benehmen würde. Auch gegen Besucherhunde konnte sie sehr ungnädig sein. Selber hatte sie im Rudel nie viel zu sagen, aber wenn ein Besucherhund da war, der sich ängstlich zeigte, hatte sie ihren großen Auftritt: Höchst überzeugend präsentierte sie sich dann als die dominante Chefin, der jede Form von Ehrerbietung gezeigt werden mußte. Wirklich bösartig war sie dabei nie, sie nutze einfach nur die Gunst der Stunde. Und schon für den nächsten vierbeinigen Gast war sie eine fröhliche, ausgelassene Spielgefährtin, die die anwesenden Menschen schlicht bezauberte.
Auf Ausstellungen spaltete sie wie ihre Namensgeberin die Gemüter: die einen lehnten sie völlig ab, weil sie zu klein sei, die anderen vergötterten sie. Ihre Auftritte waren immer perfekt, sie wußte sich gefällig zu präsentieren, sie wußte das Publikum zu entzücken, sie wußte mit den Richtern zu flirten und wenn sie nicht völlig durchfiel, gewann sie - dazwischen gab es nichts. Als der Rassestandart geändert und die erlaubte Größe verringert wurde, hatte sie ihre ganz große Zeit und lief die Konkurrenz in Grund und Boden - und ich bin sicher, sie genoß ihren Erfolg in vollen Zügen! Nichts entzückte sie mehr als Aufmerksamkeit und wie sie die bekam, wußte sie immer. Die Anekdoten zu diesem Thema würden spielend ein ganzes Buch füllen!
Ganz große Auftritte hatte sie, wenn sie gedeckt werden sollte: erst wurde der arme Rüde so hysterisch eingeschüchtert, daß er sich gar nicht mehr heran wagte. Dann begann sie hemmungslos zu flirten und sich wie ein Straßenmädchen zu präsentieren, daß der arme Kerl gar nicht mehr wußte, woran er war. Als nächstes kam die unmissverständliche Aufforderung: na los jetzt, tu endlich deinen Job und kaum war es getan, begann sie zu jammern und zu klagen, als sei sie von einem rohen Wüstling vergewaltigt worden. Ich habe ernsthaft immer wieder überlegt, ob ich sie überhaupt noch decken lassen sollte - wäre sie nicht eine so hingebungsvolle und seelige Mutter gewesen. Das hatte sie wohl von ihrer Großmutter Fabienne. Wenn sie Welpen hatte, stahlte sie vor Glück und Zufriedenheit, dann war sie die Güte und Sanftmut in Person. Sie war eine perfekte Mutter, ihre Welpen immer picobello sauber und wohlgenährt (ja richtig, Queenie war die andere Großmutter) und länger betreut und gesäugt, als nötig gewesen wäre. Wenn sie Babies hatte, war sie restlos glücklich! Nein, dieses Glück mochte ich ihr nicht verweigern, auch wenn die Deckerei immer furchtbar strapaziös war. Wie groß dabei ihre Schauspielkunst war, sollte ich erst Jahre später erfahren: Josephine war schon aus dem zuchtfähigen Alter heraus und gerade läufig. Ein Freund kam mit einem Rüden zu Besuch, der kastriert war und so brachen wir zu einem gemeinsamen Spaziergang auf. Der Rüde konnte ja schließlich nicht mehr decken - das war falsch! Er konnte nicht mehr zeugen, decken konnte er sehr wohl und er tat es auch. Plötzlich bemerkten wir die Abwesenheit der beiden Hunde von dem Rudel der anderen. Und was soll ich sagen, Josephine stand 100 Meter zurück mit dem Rüden hinter einem Busch und hing - kein Geschrei, kein Drama und das Ganze war hinter dem Busch klamheimlich in Minutenschnelle passiert!! Wie war das mit der Gunst der Stunde?
Oh Josephine,was für eine begnadete Schauspielerin du doch warst! Fröhlich spielender Clown, unnahbare Zicke, zärtliche Feundin, ungehorsamer Querkopf, schrille Wächterin, liebevolle Mutter, wütende Amazone, zitternder Angsthase, zuckersüßer Schoßhund, souveräner Show-Champion - es gab keine Rolle, die sie nicht perfekt auf das Parkett gebracht hätte! Ich glaube, unter allen Hunden dieser Welt gibt es keinen mit einer facettenreicheren Persönlichkeit! Unzählige Male hat sie uns zum Lachen gebracht mit ihren Kapriolen und manchmal - das gestehe ich freimütig - auch an den Rand des Wahsinns. Kleine große Josephine - ich bin ganz sicher: an dem Tag, an dem Du uns verlassen hast, wurde auf der großen Theaterbühne im Himmel ein neuer Star geboren! Und wenn ich spät am Abend nach draußen gehe und ganz ganz leise bin, dann kann ich ihn vielleicht ganz von ferne hören, den frenetischen Beifall Deines himmlischen Publikums. Und dann stell ich mir vor, wie Du ganz allein im Scheinwerferkegel schwanzwedelnd auf der Bühne stehst und strahlend die Ovationen Deiner Fans entgegen nimmst.
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